Anderstouren

Orte ohne Namen

Ich schlendere durch die kleinen Wellen, die ab und an übermütig bis zu meinen Knien hochschlagen. Vor mir liegt ein weiter Strand und ein türkises Meer, das aus einem Reisekatalog stammen könnte und von dessen Farbe jeder sagen würde, dass sie in irgendeinem Bildbearbeitungsprogramm nachgesättigt wurde. Der Wind weht durch mein Haar, Möwen segeln über meinen Kopf hinweg. Außer Christian, der irgendetwas in der Außenküche werkelt, ist niemand hier. Was wir hier tun? Gute Frage. Einfach Zeit haben, denke ich.

Ob ihr es glaubt oder nicht, wir haben in den drei Monaten unserer Reise noch nie zwei Nächte an einem Ort verbracht. Jetzt tun wir es einfach und „vertun“ den Tag damit, zu lesen, oder in den natürlichen Felsenpools zu planschen. Wo sollen wir auch noch hinfahren? Wir haben alles gesehen und nehmen so viele unglaubliche Bilder mit nach Hause. Unserer weiterer Weg führt uns nur zurück nach Perth, wo wir alles mögliche erledigen und schließlich heim fliegen müssen. Deswegen war es das einzige, was jetzt noch gefehlt hat: Einfach mal zu bleiben, einfach Zeit haben. Dabei war es nur ein Bauchgefühl, das mir sagte, dass wir in diesen Track einbiegen sollen. Doch er hat uns geradewegs an diesen einsamen Traumstrand geführt. Dieser Ort hat keinen berühmten Namen und dennoch gehört er zu den schönsten Übernachtungsplätzen, die wir auf dieser Reise gefunden haben.

Ich drehe um, gehe langsam zum Auto zurück und lasse unsere Reise dabei revue passieren. Wir haben einige Male Orte mit großen Namen aufgesucht: Die Great Ocean Road, die Zwölf Apostel, Steep Point, den Karijini Nationalpark, Yulara und den Uluru.. Doch sie haben nicht halten können, was wir uns davon versprochen haben und zwar vor allem deswegen, weil sie zu überlaufen waren. Andere Regionen, die hinter berühmten Namen stecken, werden ihrem Ruf sehr wohl gerecht; die Canning Stock Route oder die Simpson Desert zum Beispiel. Aber am meisten überrascht, haben uns eigentlich jene Plätze, die in keinem Reiseführer erwähnt werden und von denen selbst die Einheimischen noch nie gehört haben.

Ich denke an die Vollmondnacht im Sturt Nationalpark zurück, in der wir uns Tasmanischen Lachs und Whiskey teilten, oder an so manche namenlose Creek, in der wir einfach unser Lager aufgeschlagen und in die Sterne geschaut haben. Wir gehörten zu den seltenen Besuchern im Gammon Ranges Nationalpark, der für Christian immer noch zu den schönsten Nationalparks Australiens gehört und völlig unbekannt ist wohl der Karlamilyi Nationalpark. Er mag zwar der größte Nationalpark Western Australias sein, aber es gibt noch nicht einmal ein Schild, das ihn beim Namen nennt. Von Rangern, Campingplätzen oder gar einem Visitorcenter kann er nur träumen und vielleicht macht ihn gerade das so einzigartig. Selbst der Anne Beadell Highway, der längste, einsamste und beeindruckenste Track unserer Reise, ist den meistens Aussies kein Begriff. Doch wir werden diesen Namen sicher nie vergessen und noch oft davon sprechen, wie uns die Wellblechpiste nach und nach den Wagen zerlegte und uns die Dingos jagten..

Zurück am Auto überrascht mich Christian mit einer Portion Butterkekse, die er gerade selbst „gebacken“ hat. Natürlich haben wir keinen Ofen. Aber er hat sie dünn in der Pfanne gebraten und dann von Sonne und Wind trocken lassen. Auf jeden Fall kommen sie Butterkeksen ziemlich nah und vielleicht muss ja auch nicht alles ganz perfekt sein. Wir waren auf dieser Reise einige Male dazu gezwungen, Probleme zu lösen und zu improvisieren. Wir sind wacher und wachsamer geworden, haben die ganze Zeit in der Natur und mit ihren Launen gelebt. Wann denken wir zu Hause schon darüber nach, wie der Wind steht, oder ob eine Schlange über den Boden kriechen könnte? Wann kann uns ein Regenguss daheim die Weiterfahrt verwehren, oder ein Sturm dafür sorgen, dass wir die ganze Nacht kein Auge zutun? Wir sind aufgestanden, wenn die Sonne aufging und haben gegessen, wenn wir Hunger hatten. Wir mussten auf uns achten, uns vor der Trockenheit, der Hitze, oder wilden Tieren schützen.

Heute ist unser letzter Abend in der Wildnis und in „Freiheit“. Das Abendrot leuchtet über der Bucht und zwei Kängurus kommen zum Wasser hinab. Wir sitzen ganz still im Sand und sehen den beiden Tieren zu, wie sie in den Felslöchern nach Nahrung suchen. Irgendwann ist es so dunkel, dass wir nur noch ihre Silhouetten vor dem rötlich schimmerenden Wasser erkennen können. Seit Tagen haben wir keine Kängurus mehr gesehen und es ist beinahe, als wären die beiden Tiere nur deswegen hinunter zum Strand gekommen, um sich von uns zu verabschieden.

Wir entzünden ein letztes Lagerfeuer und Christian spielt noch einmal Low-Whistle. Seine Weise erzählt von den wundervollen Orten, die wir besuchen durften und all den Eindrücken. Und natürlich mischt sich etwas Wehmut in seine Melodie. Doch wenn ich hier so sitze, in die Flammen schaue, der Flöte zuhöre und auf die letzten drei Monate zurückblicke, dann kann ich voller Zufriedenheit sagen, dass jede Entscheidung und jeder Schlenker genau richtig waren und dass wir die Reise unseres Lebens gemacht haben! Die meiste Zeit waren wir ganz allein, haben die abgelegensten Flecken gesehen und den freien Blick bis zum Horizont genossen. Australien ist ein so weites Land, dass es noch genug Raum bietet und genug Orte ohne Namen, die entdeckt werden wollen. Und deswegen werden wir auch wieder kommen und auf neue Erkundungstouren gehen. Im August geht unsere Reise weiter…

Ein Kommentar

  1. Hey ihr lieben, es ist kaum zu glauben das ihr jetzt schon so lange weg seid! Ich kann gut verstehen das es euch schwer fällt euer Abenteuer zu beenden. Aber ich und ich denke alle anderen daheim gebliebenen freuen sich auf euch wenn ihr wieder hier seit und ich freu mich auf die Live Berichte! Aber deine wundervollen und absulut unterhaltsamen Berichte hier werden mir sehr fehlen! Ganz liebe Grüße Maik

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